Martin van Creveld
"Die Zukunft des Krieges"
Über das Buch "Die Zukunft des Krieges" (engl. "The transformation of war")
(Alle Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet, sind direkt dem besprochenen Werk entnommen.)
Erschiene dieses Buch heute, in der Epoche nach "Nine-Eleven", es wäre eine ausserordentlich fundierte Analyse der Gegenwart. Aber es wurde bereits in den Jahren 1989/90 verfasst und 1991
veröffentlicht (die deutsche Ausgabe 1998), was manche Passagen geradezu prophetisch wirken lässt. In einer Zeit, als alle Welt
vom Grossen Frieden träumt und das Ende des kalten Krieges als das Ende aller Kriege überhaupt interpretiert wird, spricht van
Creveld seine Warnung aus: "Der Krieg erfreut sich bester Gesundheit."
Er legt in fesselnder Weise dar, wie sich die Kriegsführung gewandelt hat und noch weiter wandeln wird, wie das Kriegsverständnis in der westlichen Welt wesentlich durch Clausewitz'
Standardwerk "Vom Kriege" geprägt wurde und warum diese Haltung falsch ist.
Um zu verstehen, warum es nicht nur irreführend, sondern auch sehr gefährlich sein kann, Clausewitz zu folgen, muss man verstehen,
welches Bild sich dieser preußische Stabsoffizier vom Krieg machte und wo dieses Bild schief liegt.
Zunächst ist bemerkenswert, dass Clausewitz es nicht wie etwa der Chinese Sunzi geschafft hat, ein fertiges Handbuch für alle
denkbaren Konflikte zu geben (genau das hat man nämlich viel zu lange geglaubt). "Vom Kriege" blieb bei Clausewitz' Tod
unvollendet und wurde posthum herausgegeben. Er hatte, im Gegensatz zu Sunzi, auch nie die Gelegenheit, seine Theorien in der
Praxis zu erproben. Es handelt sich bei seinem Werk - ich drücke es bewusst hart aus - um einen im Ansatz gescheiterten Versuch,
die schiere Komplexität und Grausamkeit des Krieges zu erfassen. Dabei betrachtete der Autor keineswegs jede Form von
kriegerischen Konflikten. Clausewitz war ein klassisch gebildeter und philosophisch veranlagter Stabsoffizier der napoleonischen
Ära, der den Krieg nur in seiner "trinitarischen" Form kannte, d. h. in der Dreiteilung von Staat, Heer und Volk, wie sie sich in
Europa seit 1648 (d. h. nach dem Ende des dreissigjährigen Krieges) herausgebildet hatte. Es war dies eine Epoche, in der die
Staaten als kriegführende Gebilde in den Vordergrund traten, während sich die Menschen zuvor beispielsweise wegen ihrer religiösen
Überzeugungen gegenseitig umbrachten und nicht etwa aus Patriotismus. Nun war aber das Sterben fürs Vaterland innerhalb einer
"ordentlichen" Armee für Clausewitz und seine Zeitgenossen die einzige als "zivilisiert" geltende Kriegsform überhaupt, alles
andere wie etwa der "kleine Krieg" mit seinen Kommandoaktionen, Hinterhalten, Überfällen und Spionage, galten als eine Art von
Verirrung oder anders ausgedrückt als "unfein", als nicht "gentlemanlike".
Da diese unfeinen Methoden aber vom Anbeginn der Geschichte den grössten Teil des Kriegsgeschehens ausmachen, musste jeder Versuch,
das Phänomen Krieg ohne sie zu betrachten, in die Irre führen.
Der zweite grosse Fehler, den Clausewitz machte, war es, alles als erlaubt zu betrachten. Wenn der Krieg im Namen eines Staates
und für dessen "Interessen" geführt werde, so die sinngemässe Aussage, dann sei jedes Mittel recht, um ihn zu gewinnen: "Wir
mögen nichts hören von Feldherren, die ohne Menschenblut siegen."
Wie weit ist dies etwa von den Lehren des grossen Strategen Sunzi entfernt! Es wirkt nicht nur erschütternd, sondern auch höchst
überraschend, dass ein gebildeter und feinsinniger Charakter wie Clausewitz zu einer solchen Schlussfolgerung gelangte. Man
sollte diese Haltung doch eher bei so primitiven Figuren wie Hitler, Stalin oder in unserer Zeit bei Saddam Hussein vermuten.
"Clausewitz selbst", so van Creveld, "hatte scheinbar angesichts der Barbarei des Krieges resigniert. Spätere Autoren fassten seine Worte
als einen Aufruf zum Handeln auf, spendeten ihnen Beifall und verkehrten sie ins Positive. Die Schar seiner selbsternannten Anhänger ist
gross und schadenfroh haben sie eine Grausamkeit nach der anderen gerechtfertigt."
Damit, so führt van Creveld weiter aus, manövrierten sie sich in den Irrsinn des "totalen Krieges" und schliesslich in die nukleare
Konfrontation der Supermächte, wo die Gefahr bestand, dass die immer mächtiger gewordenen Waffen nicht nur den Krieg, sondern auch die
ganze Menschheit abschaffen würden. Wäre man an diesem Punkt noch immer Clausewitz gefolgt, dann wäre der atomare Holocaust unvermeidlich
gewesen. Schon die Tatsache, dass er eben nicht stattfand, sollte uns darüber belehren, dass mit der Theorie etwas nicht stimmt.
Van Creveld zeigt, wo der Haken liegt: "Atomwaffen sind Werkzeuge des Massenmords. Gegen sie gibt es keine Verteidigung. Sie eignen sich
einzig und allein für ein blindes Gemetzel, das alles in der Geschichte Dagewesene übertreffen würde [und] lassen sich einfach nicht für
die Führung eines Krieges verwenden, der diese Bezeichnung auch nur annähernd verdient."
Die meisten Menschen sind weder Mörder noch Selbstmörder. Krieg beginnt nicht dort, wo ein Mensch andere Menschen tötet, sondern dort, wo er
das Risiko eingeht, selbst getötet zu werden.
Clausewitz scheint nicht gesehen zu haben, dass sein Satz "Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu
zwingen" von jedem beliebigen Verbrecher benutzt werden kann. Nun ist aber der Krieg eine Sache, die sich eben doch vom Verbrechen unterscheidet
(egal, was die Friedensbewegung sagt) und van Crevelds Definition liefert uns ein ausgezeichnetes und mit zahlreichen Beispielen aus Geschichte und
Gegenwart belegtes Unterscheidungsmerkmal.
Allein dieser Schritt, sich "geistig von Clausewitz zu befreien und zu einem neuen Verständnis des Krieges zu kommen" ist schon eine Leistung, für
die man dem Autor einen Orden verleihen sollte, aber van Creveld geht noch weiter.
Das Buch untersucht die Konflikte der Gegenwart und der wahrscheinlichen Zukunft und kommt dabei zu Erkenntnissen, die für die meisten Menschen wohl
eine unangenehme Überraschung sein dürften: "Ich stelle die Grundthese auf, dass die meisten modernen Streitkräfte schon heute für
einen modernen Krieg nutzlos sind."
Der Autor erläutert die Waffensysteme unserer Zeit, beginnend mit den Atomwaffen und beweist, dass die Hoffnung, sie könnten ihren Besitzern irgendeinen
konkreten Nutzen bringen, eine Schimäre ist: "Beispielsweise hat China Taiwan nicht zurückerobern können, es war nicht einmal in
der Lage, das benachbarte Vietnam zu ,bestrafen', eine ungleich schwächere Militärmacht. Die Bombe hat Indien nicht merklich
geholfen, mit dem Separatismus der Tamilen in Sri Lanka oder mit dem Irredentismus der Muslime in Kaschmir fertigzuwerden.(...)
Der politische Nutzen, den Mittelmächte wie Grossbritannien und Frankreich aus dem Besitz von Atomwaffen zogen, ist eher noch geringer.
Die Bombe hat keinem Land dazu verholfen, einen Großmachtstatus, der mit dem früheren vergleichbar wäre, wiederzuerlangen oder zu
erhalten. (...)
Die Supermächte [d.h. die USA und die zur Zeit der Abfassung des Buches noch existierende Sowjetunion] selbst haben zweifellos einen
Großteil ihres Sonderstatus aus ihrem einzigartig mächtigen Atomwaffenarsenal abgeleitet. Dennoch hat es sich auch in ihrem Fall
als problematisch herausgestellt, diesen Status in handfeste politische Vorteile umzumünzen.(...). Die [amerikanische] Bombe
bwahrte 1948 die Tschechoslowakei nicht vor der kommunitischen Herrschaft. Sie konnte ebensowenig verhindern, dass China Mao
Tse-Tung in die Hände fiel..." um nur einige Beispiele zu nennen.
Heute wissen wir ausserdem, dass der Besitz von Abertausenden nuklearer Waffen (plus riesiger Panzerarmeen, Luftflotten und
Marinegeschwadern) auch nicht das geringste dazu beigetragen hat, den totalen Zusammenbruch des kommunistischen Blocks zu
verhindern. Im Gegenteil - man hat bereits Studien verfasst, in denen vorgerechnet wurde, dass gerade die Aufblähung des
Militärapparates die kommunistischen Staaten in den Bankrott trieb - eine späte Rechtfertigung für Reagans Plan, "den Osten
totzurüsten". Ich hatte in meiner Zeit bei der Bundeswehr einen Kompaniechef, der früher in der NVA diente und 1990 in die
Bundewehr übernommen wurde. Er sagte es so:"Gieg, ich kann den Reagan nicht ausstehen, aber in dem Punkt muss ich einfach zugeben,
dass er Erfolg gehabt hat."
Van Creveld betrachtet weiter die realen Kriege, die seit 1945 geführt wurden: Das Kriegsgeschehen überall auf der Welt sieht anders
aus, als es die nach Clausewitz' Theorien ausgebildeten Offiziere überall auf der Welt jahrzehntelang gelernt haben. Fast
nirgendwo handelte es sich um einen trinitarischen Krieg, in dem man zwischen kriegführenden "Staaten", ihren auf einem
eindeutigen Schlachtfeld kämpfenden "Heeren" und dem daran unbeteiligten "Volk" unterscheiden könnte. Stattdessen tobten überall
kleine und grosse "Low intensity wars" oder "Low intensity conflicts" in denen die meisten der kämpfenden Parteien sich einen
Dreck um die Genfer Konventionen scherten: sie standen nicht in einem irgendwie fassbaren "Dienstverhältnis", trugen ihre Waffen
nicht offen, metzelten Zivilisten und Verwundete nieder, arbeiten mit Drogenschiebern zusammen und so weiter ad infinitum. "Sie
repräsentieren keinen Staat, tragen keine Uniform und sind häufig von den sie umgebenden Zivilisten kaum zu unterscheiden."
Und wenn die "ziviliserten" Mächte versuchten, solches "Gesindel", "Banditen", "Terroristen" usw. mit regulären Streitkräften zu
bekämpfen, dann erlitten sie jedesmal demütigende und traumatisierende Niederlagen: Neben dem in unserer Zeit so häufig zitierten
Desaster der USA in Vietnam stehen hier die Niederlagen der Franzosen im Algerien- und Indochinakrieg, die der Sowjets in Afghanistan,
die der Israelis im Libanon und noch etliche mehr. Van Creveld erläutert jeden dieser Fälle, zeigt ihre Paralellen und zieht aus diesen
und weiteren Punkten den Schluss: "Für Europa stellt der low intensity conflict wahrscheinlich die Zukunft dar."
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