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Martin van Creveld

"Die Zukunft des Krieges"


Einer der faszinierendsten Aspekte des Buches ist die Behandlung der Frage, warum Menschen auch dann noch kämpfen, wenn sie nichts mehr zu gewinnen haben und ihnen der Spass längst vergangen ist. Die wohl erschütterndste Form, die ein Krieg annehmen kann, ist der Existenzkampf, wo es nur noch ums nackte Überleben geht, wo keine rationalen Gründe mehr existieren und nicht mehr gefragt, sondern gehandelt wird. Clausewitz konnte sich eine derartige Situation überhaupt nicht vorstellen. Er und alle seine Anhänger taten so "als würden Menschen, nur indem sie Uniformen anziehen, zu rechnenden Maschinen..."
In Wirklichkeit aber sind Menschen auch im Krieg höchst emotional handelnde Wesen, die sich nur begrenzt "vernünftig" verhalten. Man könnte sogar sagen, dass im Krieg die Vernunft eher noch weniger zählt als sonst, weil der Kampfrausch zumindest kurzfristig alle mitreisst.

In dieser Situation befanden sich etwa die Israelis kurz vor dem Sechstagekrieg. Die arabischen Staaten predigte wochen- und monatelang ihre Absicht, "die Juden ins Meer zu werfen" und die ganze Welt glaubte ihnen. In dieser Situation ging es für Israel nicht mehr um irgendeine Form von Schutz oder um eine "vernünftige" Kosten-Nutzen-Rechnung, ob Krieg oder Frieden den "Interessen" des Staates dienlicher sei. Die "Politik" hatte sich "auf die nackte Angst der Israelis beschränkt und auf ihre Entschlossenheit, ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. An diesem Punkt angelangt, zogen sie in den Krieg."
(Wahrscheinlich war niemand überraschter als die Israelis selbst, als sie eine Woche später feststellten, dass sie nicht nur überlebt, sondern auch noch den Krieg gewonnen hatten.)

Dasselbe machten die Algerier im Unabhängigkeitskrieg gegen die Franzosen vor. Während man in Frankreich eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellte, in der die Zahl der (eigenen) Kriegstoten mit der Zahl der Opfer von Verkehrsunfällen verglichen wurde, kämpften die Algerier schlichtweg um ihre nationale Existenz. "Je grösser das Leiden und die Zerstörung, desto weniger hatten die Algerier zu verlieren. Je weniger sie zu verlieren hatten, desto grösser war ihre Entschlossenheit, dass die Opfer zumindest nicht umsonst gewesen sein sollten. Die Franzosen waren aber noch in herkömmlichen strategischen Denkmustern verfangen und benötigten einige Zeit, bis sie das erkannten. Als sie am Ende begriffen, was wirklich vor sich ging, als ihnen dämmerte, dass für die gegnerische Seite jeder tote Algerier und jede tote Algerierin ein Grund war, den Kampf fortzusetzen, da gaben sie endlich auf."

"...Man betrachte nur das Moskauer Geiseldrama vom Oktober 2002: ein Teil des tschetschenischen Kommandos..." In unserer Zeit können wir den Kampf der Tschetschenen gegen die Russen als Beispiel für einen solchen Existenzkampf heranziehen. Die russischen Soldaten kämpfen in Tschetschenien, weil man es ihnen befiehlt (nicht etwa, weil dort noch irgendein Gewinn zu machen wäre) und die russischen Regierungen glauben oder tun zumindest so, als verhielten sie sich logisch und rational, indem sie diesen Krieg führen. Die Tschetschenen dagegen verkörpern einen urtümlichen Kriegertypus, der eben nicht nach Rationalität fragt. Man betrachte nur das Moskauer Geiseldrama vom Oktober 2002: ein Teil des tschetschenischen Kommandos bestand aus schwarzverschleierten Frauen - die Witwen von Grosny. Ihre Heimat war zerstört, ihre Familien hatte man umgebracht, sie selbst hatten dem Tod ins Auge gesehen und konnten nichts mehr verlieren. Sie wollten nur noch Rache nehmenund dem Feind möglichst viel Schaden zufügen.

Eine solche geistige Haltung, die selbst die elementarste Angst überwunden hat, ist mit noch so vielen Kanonen nicht zu besiegen. Sie befähigt Menschen, nicht nur unvorstellbares Leid zu ertragen, sondern auch fürchterlich zurückzuschlagen. "Wer dem Tod ins Auge blickt, hat eine Sphäre betreten, in der es anderen Menschen nicht mehr möglich ist, Einfluß auf ihn zu nehmen, und in der er nichts anderem mehr unterworfen ist als seinem freien Willen."

Natürlich sind auch solche entschlossenen Krieger nicht unsterblich. Aber selbst wenn alle anderen Faktoren gegen sie sprechen, kann die wilde Entschlossenheit, nicht aufzugeben, eine kleine und schwache Gemeinschaft mit einem Kampfgeist beseelen, der ihren zahlenmässig und waffentechnisch weit überlegenen Gegnern fehlt. "Von den Amerikanern in Vietnam bis zu den Sowjets in Afghanistan sahen urplötzlich Legionen von Strategen ihre Berechnungen auf den Kopf gestellt und verfolgten, wie ihre Pläne von der Entschlossenheit des Feindes vereitelt wurden, das Leid zu ertragen und durchzuhalten. (...) In jedem Krieg stellt die Bereitschaft, zu leiden und zu sterben und auch zu töten, den mit Abstand wichtigsten Faktor dar. Entfernt man ihn, wird sich selbst die zahlenstärkste, bestorganisierte, bestausgebildete und bestbewaffnete Armee der Welt in ein klappriges Werkzeug verwandeln."

Im folgenden Absatz weist van Creveld auf eine der gefährlichsten Folgen eines solchen Paradoxons hin: "Es wäre auch falsch, zu denken, der Existenzkampf sei nur eine Randerscheinung und stehe für eine unbedeutende Minderheit unter allen Konflikten. Vielmehr wird mit der Zeit jeder Krieg zu einem Kampf ums Dasein werden, die Feindseligkeiten müssen nur entsprechend stark und die Zahl der Opfer entsprechend hoch sein. Je länger ein Konflikt nämlich dauert und je höher die Kosten sind, um so grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die ursprünglichen Kriegsgründe in Vergessenhat geraten. Je mehr Opfer er fordert, desto grösser ist die Notwendigkeit, sie vor der Welt und sich selbst zu rechtfertigen. Wenn die Existenz aber das oberste Ziel ist, dann wird jeder länger anhaltende Krieg zwischen gleichstarken Gegnern zu einem Kampf auf Leben und Tod, vorausgesetzt, er verflacht nicht irgendwann."

Und wie erzeugt man eine solche Bereitschaft? Woher kommt die Motivation der Menschen, so etwas auf sich zu nehmen?
Ganz offensichtlich hilft hier kein Parteiprogramm. "Am Ende werden Soldaten nur dann bereit sein, ihr Leben zu riskieren, wenn sie spüren - nicht nur im Kopf, sondern im Knochenmark - dass ihre Sache gerecht ist. Propaganda und Terror können mit beeinflussen, was eine bestimmte Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt für gerecht hält; doch sie können dieses Gefühl nicht unbegrenzt lange aufrechterhalten, noch können sie einen Ersatz dafür bieten."
Hier kommt nun auch die "prophetische" Komponente des Buches ins Spiel. Noch einmal: Es wurde 1989/90 geschrieben, aber es zeigt uns auf, warum das westliche Verständnis der Organisation "Al Qaida" so verhängnisvoll in die Irre geführt hat. "Seit dem Westfälischen Frieden [von 1648] - nebenbei bemerkt, dem ersten Friedensvertrag, bei dem Gott nicht zum Zeugen gerufen wurde - suchten sich die Bewohner der westlichen Welt aufgeklärtere Gründe für ein gegenseitiges Abschlachten. [In der islamischen Welt] folgte dieselbe Entwicklung erst viel später und selbst dann in einem weit geringeren Ausmass (...) Somit ist die Vorstellung, der Krieg sei die Fortsetzung der Religion, selbst in ihren extremsten Formen noch lange nicht tot. Die westlichen Strategen und Anhänger von Clausewitz täten gut daran, diesen Umstand zu berücksichtigen. Andernfalls könnten sie leicht einem Heiligen Krieg zum Opfer fallen, weil sie seine Natur nicht begriffen haben."
Denn die Anhänger Usama bin Ladens und anderer charismatischer Anführer gelten zwar in unserem Sprachgebrauch und Rechtsverständnis als Terroristen, aber nach ihrem Selbstverständnis sind sie Krieger, die für eine "gerechte Sache" kämpfen und sterben. Und spätestens seit dem 11. September 2001 wissen wir, wie stark eine solche Motivation sein kann.

In summa lässt sich festhalten, dass dieses Werk zu den wichtigsten gehört, die jemals auf dem Felde der Militärtheorie erschienen sind. Van Creveld meint zum Schluss mit vollem Recht:
"Die Strategie wird so, wie sie in diesem Buch definiert wurde, zu allen Zeiten gelten und lässt sich immer und überall anwenden, wo Kriege ausgetragen werden und wo sie nicht nur durch Abschreckung verhindert werden."

Ich behaupte sogar, dass es seit Sunzis vor 2.500 Jahren verfasstem Werk "Die Kunst des Krieges" keine so bedeutsame Schrift mehr gegeben hat. Es sollte Pflichtlektüre für alle Politiker, Soldaten, Journalisten und irgendwie sonst mit der Thematik befassten Menschen der Erde sein.

Ich habe dieses Buch viermal komplett gelesen und einzelne Passagen für diese Rezension nochmals durchgearbeitet. Wahrscheinlich sind mir trotzdem noch viele bedeutsame Aspekte des Themas entgangen. Wenn jemandem etwas auffällt, das ich nicht bemerkt oder nicht angesprochen habe, bitte Mail an mich. Klaus Gieg

Das Buch

Buch Kurzbeschreibung
Die Kunst des Krieges von Sunzi
Titel: Die Zukunft des Krieges
Autor: Martin van Creveld
Verlag: Gerling Akademie Verlag
ISBN: 3932425049



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