Sunzi
"Die Kunst des Krieges"
Über das Buch "Die Kunst des Krieges" von Sunzi, ca. 500 v. Chr., China
Dieses Werk ist m. E. das beste Buch, das je ein einzelner Mensch über Strategie und Taktik geschrieben hat. Die deutsche
Ausgabe, eine Übersetzung der Edition von James Clavell, ist ein kleines, unscheinbares Bändchen, aber gerade in dieser
Bescheidenheit liegt die grösste Stärke des Buches: Sunzi schreibt einen einfachen, klaren und gut verständlichen Stil,
den man in der deutschen Umgangssprache als "idiotensicher" und bei der Bundeswehr als "offizierssicher" bezeichnet. Damit
unterschiedet er sich drastisch von dem in der westlichen Welt hochgelobten Clausewitz, dessen komplizierte Schachtelsätze
bei mir das kalte Grausen hervorriefen (Im übrigen wurde der Mythos von dem Über-Strategen Clausewitz inzwischen auch
hinreichend demontiert, vgl.etwa Martin van Crevelds "The Transformation of war", dt. "Die Zukunft des Krieges").
Sunzi beginnt seine berühmten dreizehn Kapitel mit dem Satz: "Die Kunst des Krieges ist für einen Staat von entscheidender Bedeutung.
Sie ist eine Angelegenheit von Leben und Tod, eine Straße, die zum Sieg oder in den Untergang führt. Deshalb darf sie unter
keinen Umständen vernachlässigt werden."
Das klingt wie eine Antwort auf das deutsche Sprichwort: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen
Nachbarn nicht gefällt." Sunzi hat den Mut, aus dieser Erkenntnis die Folgerung zu ziehen und auch auszusprechen, was die
"zivilisierten" Europäer schamhaft verschweigen.
Ausserdem listet er im ersten Kapitel sieben Bedingungen auf, mit deren Hilfe er "Sieg oder Niederlage voraussagen" will.
Das klingt arrogant, ist jedoch nicht widerlegbar. (Dass der Philosoph mit derartigen Erkenntnissen nicht alleine steht,
zeigt etwa ein Ausspruch von Admiral Canaris, der zwar Sunzi nie gelesen hat, aber den zweiten Weltkrieg schon Ende September
1939, während die übrige Welt noch ängstlich auf Hitlers Erfolg im Polenfeldzug starrte, als "schon verloren" bezeichnete.
Es war eben für jeden offensichtlich, der die Verhältnisse auch nur einigermassen kannte. Und in unzähligen anderen Konflikten
von der Schlacht von Kadesch 1275 v. Chr. bis zum werweißwievielten Tschetschenienkrieg in der Gegenwart war und ist es genau
dasselbe.)
Und schon drei Sätze weiter zeigt sich Sunzi vorsichtig: "Doch bedenke: Während du aus meinem Rat Nutzen ziehst, solltest
du nicht versäumen, dich aller hilfreichen Umstände, die über die üblichen Regeln hinausgehen, zu bedienen und deine Pläne
entsprechend anzupassen."
Das ist eine deutliche Warnung an all jene, die glauben, irgendwann nichts mehr dazulernen zu müssen.
Die dann folgenden Absätze gehören zu den wichtigsten des ganzen Werkes: "Lege Köder aus, um den Feind zu verführen. Täusche
Unordnung vor ... Wenn der Feind in allen Punkten sicher ist, dann sei auf ihn vorbereitet. Wenn er an Kräften überlegen ist,
dann weiche ihm aus. Wenn dein Gegner ein cholerisches Temperament hat, versuche ihn zu reizen.
Gib vor, schwach zu sein, damit er überheblich wird. Wenn er sich sammeln will, dann lasse ihm keine Ruhe. Wenn seine Streitkräfte
vereint sind, dann zersplittere sie. Greife ihn an, wo er unvorbereitet ist, tauche auf, wo du nicht erwartet wirst."
Mit diesen Methoden besiegten die Römer unter Fabius und den Scipionen den legendären Karthager Hannibal, brachte Spartakus
Rom an den Rand einer Katastrophe, vernichtete Saladin das Heer der Kreuzfahrer bei den Hörnern von Hattim, lockten die
Sowjets Hitler in die Falle von Stalingrad, bereiteten die Vietcongs der Supermacht USA das grösste Desaster ihrer Geschichte,
holen sich die Engländer in Nordirland eine Pleite nach der anderen, schlugen die afghanischen Mudschaheddin die Sowjets und,
aktuell, lassen die Tschetschenen die russische Armee seit 150 Jahren immer wieder in dieselben Fallen laufen. (Anscheinend
haben die russischen Generale in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Lehren Sunzis über Bord geworfen und sind dem
Rausch der immer grösseren Kanonen erlegen. Die Quittung folgte prompt in Gestalt von bisher drei verlorenen Kriegen:
Afghanistan 1979 - 1989, Tschetschenien 1994 - 1996 und 1999 bis heute, der letzte Konflikt wird sich womöglich noch lange
hinziehen, war aber für die Russen schon vor dem ersten Schuß verloren.)
Diese Aufzählung liesse sich beliebig fortsetzen, die ganze Menschheitsgeschichte ist voll von weiteren Beispielen.
Auch ausserhalb militärischer Konflikte lassen sich diese Lehren anwenden. Jahrelang etwa tricksten chinesische Drogenschmuggler
die US-Behörden aus, indem sie nicht auf einen Schlag tonnenweise Heroin verschifften, sondern Tausende ihrer Leute in kleinen
und kleinsten Portionen Rauschgift transportierten. Ein FBI-Beamter erklärte den Erfolg der Triaden so: "Die Fahnder wollen
nicht jeden Tag Hunderte von Leuten durchsuchen, wenn sie bei den meisten doch nichts finden. Sie wollen den einen grossen Coup
landen und vor Wagenladungen beschlagnahmten Stoffes für die Presse posieren."
Gib vor, schwach zu sein, damit er überheblich wird...
Den Vorwurf, Militarist zu sein, dem Sunzi in Deutschland oft ausgesetzt ist, widerlegt er im zweiten Kapitel fast nebenbei:
"In der ganzen Geschichte gibt es kein Beispiel dafür, dass ein Land aus einem langen Krieg Gewinn gezogen hätte. Nur wer die
schrecklichen Auswirkungen eines langen Krieges kennt, vermag die überragende Bedeutung einer raschen Beendigung zu sehen. Nur
wer gut mit den Übeln des Krieges vertraut ist, kann die richtige Art erkennen, ihn zu führen."
Hier macht er keinen Unterschied zwischen Siegern und Besiegten - völlig zu Recht, denn egal, wer in den Geschichtsbüchern als
Sieger genannt wird, eine Kapitulation macht die Toten nicht mehr lebendig und patriotische Sprüche mildern nicht das Leid der
Verkrüppelten und Hinterbliebenen. Sunzis Worte sind nicht die eines Kriegstreibers, sondern die Erkenntnisse eines Denkers,
der den unbequemen Wahrheiten des Lebens nicht ausweicht. Damit verhält er sich m. E. ethischer als viele Friedensbewegte, die
gewisse Fakten einfach ignorieren, weil sie ihnen nicht in den Kram passen.
Im dritten Kapitel bekommen jene einen Dämpfer verpasst, die von Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld träumen: "In all
deinen Schlachten zu kämpfen und zu siegen, ist nicht die grösste Leistung. Die grösste Leistung besteht darin, den Widerstand
des Feindes ohne Kampf zu brechen. In der praktischen Kriegskunst ist es das Beste überhaupt, das Land eines Feindes heil und
intakt einzunehmen; es zu zerstören und zu zerschmettern ist nicht so gut."
Und auch die Politiker erhalten eine Mahnung: "Es gibt drei Arten, auf die ein Herrscher seiner Armee Unglück bringen kann:
Wenn er der Armee den Sturm oder Rückzug befiehlt und die Tatsache nicht bemerkt, dass sie nicht gehorchen kann. (...)
Wenn er versucht, eine Armee auf die gleiche Weise zu führen, wie er ein Königreich regiert, und die Bedingungen nicht erkennt, die in einer Armee herrschen. (...)
Wenn er die Offiziere seiner Armee ohne Unterschied einsetzt und das militärische Prinzip der Anpassung an die Umstände vernachlässigt."
Wiederholt warnt Sunzi eindringlich vor den psychologischen Schäden, die durch solche Dummheiten angerichtet werden und
letztendlich die Motivation und Einsatzbereitschaft einer ganzen Armee untergraben - ein brandaktuelles Thema, betrachtet
man etwa das Desaster der Israelis im Libanon, wo "eine der früher höchstmotiviertesten Armeen der Welt" (van Creveld) zu
sinnloser Polizeiarbeit eingesetzt wurde, und die verheerenden Folgen für die Moral der Israel Defense Forces.
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